Stefan Trenkel

Karl, der Bankräuber

Karl wollte eine Bank überfallen. Er wußte nicht wieso. Eigentlich reichte sein Geld. Und er könnte ja auch arbeiten gehen. Doch immer wieder träumte er von Geld. Von viel Geld. Dann spielte er Lotto. Da träumte er von noch mehr Geld und fing an zu überlegen, was er mit all dem Geld machen könnte. Viel fiel ihm nicht ein, aber es war aufregend, und es würde sich schon was finden. Es würde sein Leben schon verändern. Doch gewann er nichts im Lotto. Mit der Bank würde es anders sein. Eher wie beim Roulette. Rot oder schwarz. Alles oder nichts. Das machte ihm ein wenig Angst. Er wollte nur das Geld, und dann gemütlich nach Hause springen. Aber das wollte sicherlich die Bank nicht. Die würden bestimmt aufgeregt seine Spur aufnehmen, wie die Spürhunde hinter ihm herschnüffeln, laut bellen, und wenn er es sich in seinem Sessel gemütlich machte, seine Beute hervorholte, begutachtete, auf dem Tisch ausbreitete, dann ... schnapp ... wehe ihm dann.

Er wollte es wagen. Doch wie? Das Schwierigste war die Pistole. Für einen Banküberfall brauchte man eine Pistole. Ohne Pistole ging es nicht. Pistolen kamen in seinem bisherigem Leben nicht vor. Er kannte sie nur aus dem Fernsehen und der Zeitung, aus Western, Krimis und Nachrichten. Die Westernhelden trugen sie an der Hüfte, der Killer unterm Jackett, und in den Nachrichten war es der Tote mit einer Kugel im Bauch. Da waren Pistolen ganz normal, da hatte er sich noch nie Gedanken über Pistolen gemacht, sie wurden getragen und sie wurden benutzt. Aber in seiner Hand? Wer wäre da Herr und wer Werkzeug? Er oder die Pistole? Er mußte sich gut vorbereiten.

Zuerst mußte die Pistole her. Eine echte? Woher sollte er eine echte Pistole bekommen? Und reichte nicht eine aus, die aussah wie eine echte? Wer kannte schon echte Pistolen und richtig schießen wollte er sowieso nicht. Mit einer unechten Pistole wäre alles nur halb so gefährlich. Er fuhr in die nächste Stadt, ging in ein Spielwarengeschäft und schaute nach Faschingspistolen. Er besah sich die große Auswahl, die Modelle von “Old Shutterhand” bis “James Bond”, und kaufte einen Colt mit Metallbeschlägen. Zuhause besah er sich sein Gerät, überlegte ob man seine Pistole als Faschingspistole erkennen würde, feilte überstehende Plastikwülste ab und lackierte die ganze Waffe schwarz. So wurde der metallene Glanz verstärkt und das doch sehr leichte Gerät wirkte schwerer. Er übte ein wenig vor seinem Schlafzimmerspiegel mit der Waffe hantieren, fühlte sich gut und fing an die weiteren Schritte zu durchdenken.

Als nächstes brauchte er ein anderes Aussehen. Zum einen sollte er nicht erkannt werden, zum anderen sollte er möglichst stark und gefährlich aussehen. Er besorgte sich schwere Schuhe, schwarze Lederhose und Lederjacke, dazu Handschuhe und Brille, eine Perücke und einen steifen Hut, einen Bart und ein paar Narben für sein Gesicht. Er brauchte ein paar Tage bis er alles beisammen hatte. Schließlich konnte er sich in voller Montur bewundern: “Der schwarze Rächer.” So konnte es klappen. Eine Bank hatte er sich auch schon ausgesucht. Eine kleine Filiale der Volksbank in der Vorstadt. Er besuchte sie ein paar Mal, hob mal Geld ab, zahlte mal welches ein, tätigte eine Überweisung. Die Bank war recht übersichtlich, hatte nur einen Schalter und eine Kasse. Normalerweise waren zwei Angestelle anwesend. Wenn er einen günstigen Moment abpaßte, konnte es gut sein, daß auch keine weiteren Kunden anwesend wären. Er fühlte sich gut vorbereitet, seine Sachen waren komplett und der Ort seiner Begierde ausgekundschaftet. Es konnte losgehen.

Am nächsten Morgen, nachdem er gefrühstückt hatte, machte sich Karl mit einem Rucksack und zwei Plastiktüten auf dem Weg. In dem Rucksack war seine schwarze Ausrüstung, in der einen Plastiktüte die Pistole, die andere war für das Geld. Karl war nervös, doch er näherte sich beharrlich seinem Ziel. Im Vorstadtbahnhof angekommen ging er auf die Toilette, zog sich um, beschaute sich ein letztes Mal im Spiegel, seine Narbe saß gut, schloß seinen Rucksack mit den Straßenkleidern in ein Schließfach und trat als Bankräuber an die frische Luft.

Er mußte nur noch den kleinen Bahnhofsvorplatz überqueren, die Hauptstraße bis zur Kirche hinauflaufen, gegenüber lag schon die Bank. Vor der Kirche blieb er stehen, schaute die Straße auf und ab, besah die Bank, alles war ruhig, er spürte in der rechten Hand die Pistole in der Jackentasche, er atmete kräftig durch und schritt los.

Die Tür öffnete sich leicht, er ging in die Schalterhalle, der Raum war leer, nur die beiden Angestellten, jeder an seinem Schalter, waren zu sehen. Er ging langsam auf die Frau an der Kasse zu, sie wendete sich ihm zu, schaute ihn freundlich an und sprach ihn mit “Bitte, was kann ich für Sie tun?” an. Auch er schaute sie an, dann legte er langsam seine rechte Hand mit der Plastiktüte aus der der Lauf der Pistole schaute auf den Tresen. Noch immer schauten sie sich gegenseitig an. “Auf, her mit dem Geld!” sagte er und zielte zur Bekräftigung genau auf sie. Mit der linken zog er die andere Tüte hervor, hielt sie ihr hin und sagte: “Hier hinein!” Langsam nahm die Frau die Tüte, drehte sich zur Seite und stopfte ein paar Scheine aus der Kasse hinein. Als sie inne hielt sagte er: “Weiter!” und sie fuhr fort. Als sie ein zweites mal inne hielt, wurde er ungeduldig, rief ihr ein “Geben sie schon her!” zu und sie hielt ihm die Tüte hin. Er griff hastig nach der Beute, stecke sie in die linke Jackentasche und ging langsam, ohne die Frau aus den Augen zu lassen, rückwärts zur Tür. An der Tür angekommen blieb er stehen, dann schoß er dreimal in die Luft, drehte sich schnell um, riß die Tür auf, machte einen Sprung und rannte davon.